Allergien — was Hautärztinnen diagnostizieren und behandeln
Allergien sind eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Stoffe. Ein großer Teil der allergischen Erkrankungen zeigt sich an der Haut oder den Schleimhäuten — von akuten Quaddeln (Urtikaria) über das Heuschnupfen-Auge bis zur Kontaktallergie auf Nickel oder Duftstoffe. In der Wahlarztordination Riedenburg klären wir den auslösenden Allergen-Bereich, sichern die Diagnose mit standardisierten Tests und besprechen die passende Behandlung — Karenz, Medikation oder, wo sinnvoll, eine Hyposensibilisierung.
Diese Seite gibt einen Überblick. Für die Diagnostik haben wir eine eigene Seite zu Allergiediagnostik, und für die spezielle Nesselsucht-Therapie eine eigene Seite zur Urtikaria-Behandlung.
Was ist eine Allergie?
Eine Allergie ist eine erlernte, überschießende Immunreaktion auf einen Stoff aus der Umwelt — ein Allergen. Beim ersten Kontakt sensibilisiert sich das Immunsystem (ohne sichtbare Symptome), beim erneuten Kontakt löst es eine spezifische Abwehrreaktion aus. Allergische Erkrankungen sind in den letzten Jahrzehnten in den westlichen Ländern deutlich häufiger geworden — heute ist etwa jede dritte Erwachsene mindestens einmal von einer allergischen Reaktion betroffen.
Allergien laufen über verschiedene Mechanismen ab. Die zwei für die Hautarzt-Praxis wichtigsten sind die Typ-I-Reaktion (Soforttyp, IgE-vermittelt) — innerhalb von Minuten bis Stunden, klassisch bei Heuschnupfen, Insektengift, Nahrungsmittel-Allergien — und die Typ-IV-Reaktion (Spättyp, T-Zell-vermittelt) — nach 24–72 Stunden, klassisch bei Kontaktallergien auf Nickel, Konservierungsstoffe oder Duftstoffe.
Welche Allergie-Formen sind dermatologisch relevant?
Akute Nesselsucht (Urtikaria) und Angioödem
Plötzlich auftauchende, juckende Quaddeln — oft kurze Zeit nach Kontakt mit einem auslösenden Stoff (Nahrungsmittel, Medikament, Insektenstich), häufig aber auch ohne identifizierbaren Trigger. Hält die Symptomatik länger als sechs Wochen an, sprechen wir von einer chronischen Urtikaria — siehe eigene Seite Nesselsucht (Urtikaria).
Kontaktallergie (allergisches Kontaktekzem)
Eine Spättyp-Reaktion der Haut — 24–72 Stunden nach Kontakt mit dem Allergen erscheint an der Kontaktstelle ein juckender, geröteter, manchmal nässender Ausschlag. Häufige Auslöser: Nickel (Schmuck, Knöpfe, Brillen-Gestelle), Duftstoffe in Kosmetik, Konservierungsmittel, Friseur-Chemikalien, Latex, Pflanzeninhaltsstoffe. Die Sicherung erfolgt mit dem Epikutantest (Pflastertest).
Heuschnupfen (allergische Rhinokonjunktivitis)
Niesreiz, Fließschnupfen, tränende Augen, manchmal Husten — saisonal (Pollen) oder ganzjährig (Hausstaubmilben, Tierhaare, Schimmel). Bei länger anhaltenden oder schweren Beschwerden ist eine Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie, SIT) möglich, die das Immunsystem schrittweise an das Allergen gewöhnt.
Insektengift-Allergie
Bei Bienen- oder Wespenstichen entwickeln manche Menschen über die normale lokale Schwellung hinaus eine systemische Reaktion — Quaddeln am ganzen Körper, Atemnot, Kreislaufkollaps. Diese ist potenziell lebensbedrohlich (Anaphylaxie) und erfordert die Verschreibung eines Notfall-Sets sowie die Diagnostik via Pricktest und spezifischem IgE. Die Hyposensibilisierung gegen Insektengift ist die wirksamste verfügbare Allergie-Therapie überhaupt.
Nahrungsmittel-Allergie
Eine echte IgE-vermittelte Nahrungsmittel-Allergie verläuft mit Soforttyp-Symptomen — Lippen-Kribbeln, Quaddeln, Magen-Darm-Beschwerden, im schweren Fall Anaphylaxie. Häufig zu unterscheiden von der Nahrungsmittel-Unverträglichkeit (z.B. Laktose, Histamin), die nicht über IgE läuft und andere Tests benötigt. Die Abgrenzung gehört in ärztliche Hände.
Medikamenten-Allergie
Häufig bei Antibiotika (besonders Penicilline), nicht-steroidale Schmerzmittel (NSAR) oder Lokalanästhetika. Reaktionen reichen von Hautausschlag bis zur Anaphylaxie. Bei klinischem Verdacht ist eine systematische Diagnostik wichtig — viele Menschen sind als „allergisch“ deklariert, ohne dass das je gesichert wurde.
Atopische Erkrankungen (Atopie)
Atopie beschreibt die genetische Veranlagung, leichter allergische IgE-Antikörper zu bilden. Atopiker entwickeln häufig im Verlauf mehrere allergische Erkrankungen — Neurodermitis im Kindesalter, später Heuschnupfen und Asthma („Etagenwechsel“). Siehe eigene Seite Neurodermitis (atopisches Ekzem).
Wann ist ein Termin bei der Hautärztin sinnvoll?
Eine ärztliche Allergiediagnostik ist sinnvoll, wenn:
- Sie wiederholt Quaddeln, Juckreiz oder Hautausschlag ohne erkennbaren Auslöser haben
- Sie nach Insektenstichen systemische Symptome (Quaddeln am ganzen Körper, Atemnot, Schwindel) entwickelt haben — hier ist die Diagnostik dringlich
- Sie chronisches Heuschnupfen über mehrere Saisons haben und an einer Hyposensibilisierung interessiert sind
- Sie eine Kontaktstelle mit chronischem oder wiederkehrendem Ekzem haben (Hände, Gesicht, Hals) und einen Stoff-Auslöser vermuten
- Bei Ihnen oder Ihrem Kind eine Nahrungsmittel- oder Medikamenten-Allergie vermutet wird — wegen der Differenzialdiagnose Unverträglichkeit
- Sie als „allergisch gegen X“ gelten, aber nie eine Diagnose gesichert wurde
Notfall-Symptome — sofort ins Krankenhaus / 144 wählen: plötzliche Atemnot, Kreislaufschwäche, Schwellung von Lippen/Zunge/Rachen, generalisierte Quaddeln nach Insektenstich oder Nahrungsmittel-Aufnahme. Das sind Anaphylaxie-Zeichen.
Wie diagnostizieren wir Allergien?
Allergiediagnostik beginnt immer mit einer strukturierten Anamnese — wann, wo, in welcher Häufigkeit, mit welchem zeitlichen Bezug zu möglichen Auslösern. Auf dieser Basis wählen wir die passenden Tests:
- Pricktest: Tropfen verschiedener Allergen-Extrakte auf der Unterarm-Innenseite, mit feiner Lanzette leicht eingestochen. Ablesen nach 15–20 Minuten. Schmerzfrei, sehr aussagekräftig für Soforttyp-Allergien (Pollen, Tierhaare, Hausstaubmilben, Nahrungsmittel, Insektengift).
- Spezifisches IgE im Blut: Misst gezielt die Antikörper gegen einzelne Allergene. Sinnvoll bei ausgedehntem Hautausschlag (wo der Pricktest nicht möglich ist), bei laufender Antihistaminika-Einnahme oder zur weiteren Charakterisierung („Komponenten-Diagnostik“ bei Erdnuss, Birkenpollen etc.).
- Epikutantest (Pflastertest): Pflaster mit Standard-Kontaktallergenen auf den Rücken — bleiben 48 Stunden kleben, danach Ablesung nach 48 und 72 Stunden. Sichert allergische Kontaktekzeme.
- Provokationstest: Kontrollierte Konfrontation mit dem Allergen unter ärztlicher Aufsicht — bei Nahrungsmittel- und Medikamenten-Allergien manchmal nötig. Erfolgt nicht in der Ordination, sondern stationär in spezialisierten Zentren.
Mehr Details auf der Seite zur Allergiediagnostik.
Wie behandeln wir Allergien? Der Stufenplan
Stufe 1 · Allergen-Karenz
Der wirksamste „Therapeut“ ist das Meiden des Allergens — wo es realistisch möglich ist. Bei Kontaktallergie auf Nickel: keine Modeschmuck-Knöpfe direkt auf der Haut. Bei Hausstaubmilbe: Encasings, regelmäßiges Wäsche-Waschen bei 60 °C. Bei Nahrungsmittel-Allergie: konsequente Vermeidung mit Etiketten-Lektüre. Eine Karenz wirkt, sobald sie konsequent umgesetzt wird — sie ist aber nicht bei jedem Allergen praktikabel (Pollen-Karenz ist im Frühling kaum möglich).
Stufe 2 · Symptomatische Therapie
Antihistaminika der zweiten Generation (Cetirizin, Loratadin, Bilastin, Fexofenadin, Desloratadin, Rupatadin) sind der Standard bei Soforttyp-Symptomen — sie blockieren den Histamin-Rezeptor und reduzieren Juckreiz, Quaddeln, Niesreiz. Wir verschreiben in der Regel das passende Präparat in der zur Indikation passenden Dosierung. Bei Heuschnupfen ergänzend nasale Steroide (Cortison-Sprays — wirksam, gut verträglich, kein Gewöhnungseffekt) und antiallergische Augentropfen. Bei Kontaktekzem topische Cortison-Cremes in der akuten Phase, später ggf. Pflege mit Calcineurin-Inhibitoren.
Stufe 3 · Hyposensibilisierung (spezifische Immuntherapie)
Die einzige Therapie, die die Allergie ursächlich behandelt. Standardisierte Allergen-Extrakte werden über drei bis fünf Jahre regelmäßig verabreicht — als subkutane Injektion (SCIT) in der Ordination oder als sublinguale Tablette/Tropfen (SLIT) zu Hause. Wirksam bei Pollen-Allergien, Hausstaubmilbe und besonders bei Insektengift-Allergie (wo sie potenziell lebensrettend ist). Die Hyposensibilisierung gegen Insektengift hat einen Schutzeffekt von ≥95 %.
Stufe 4 · Biologika (Antikörper-Therapie)
Für ausgewählte Indikationen — bei chronischer spontaner Urtikaria reicht nicht selten Omalizumab (Anti-IgE-Antikörper), bei schwerer Neurodermitis kommt Dupilumab zum Einsatz. Diese Behandlungen sind Wahlarzt-relevant — siehe eigene Seite Biologische Therapien.
Stufe 5 · Notfall-Vorsorge bei systemischer Allergie
Bei Insektengift- oder schwerer Nahrungsmittel-Allergie wird ein Notfall-Set verschrieben — Adrenalin-Autoinjektor (Pen), schnellwirksames Antihistaminikum, Cortison-Tablette. Wir besprechen die Anwendung und führen die Schulung durch. Das Notfall-Set ersetzt nicht die Hyposensibilisierung, sondern überbrückt bis zu deren Wirksamkeit und schützt vor Reaktionen außerhalb der Therapie.
Was Sie realistisch erwarten können
Diagnostik bringt Klarheit. Bei vielen Patientinnen ist nach einem strukturierten Termin klar, welche Allergene relevant sind und welche nicht — das macht die Karenz alltagstauglich und reduziert unnötige Diät- oder Vermeidungsstrategien.
Symptomatische Therapie wirkt sofort. Antihistaminika reduzieren Juckreiz und Quaddeln in der Regel innerhalb von Stunden. Bei chronischen Verläufen ist die Dosierung individuell anzupassen — Standard, hochdosiert oder Kombi-Therapie.
Hyposensibilisierung wirkt langfristig — braucht Geduld. Drei bis fünf Jahre regelmäßige Anwendung, mit langfristigem Nutzen. Bei Insektengift mit sehr hohem Schutz-Effekt, bei Pollen-Allergien mit deutlicher Reduktion der Symptomatik.
Kontaktallergien sind nicht heilbar — aber gut managbar. Nach Sicherung des Auslösers per Epikutantest und konsequenter Karenz bleibt die Haut in der Regel ruhig.
Ehrlich gesagt: nicht jede Allergie braucht eine Therapie. Manche Befunde sind klinisch irrelevant — z.B. eine sensibilisierende IgE-Erhöhung gegen ein Allergen, das im Alltag keine Symptome macht. Diese Bewertung gehört in den ärztlichen Befund.
Was kostet die Allergie-Behandlung in der Wahlarztordination?
Wir arbeiten als Wahlärztin — Sie zahlen die Honorar-Note zunächst selbst, reichen sie bei Ihrer Krankenkasse ein, ein Teil wird erstattet. Vor jedem geplanten Termin erhalten Sie eine individuelle Honorar-Auskunft für Ihren Behandlungsumfang. Eine Pricktest-Diagnostik und die ärztliche Beratung haben einen anderen Umfang als eine reine Verlaufskontrolle — der Honorar-Block auf der jeweiligen Behandlungs-Seite zeigt die typischen Spannen. Mehr zur Honorar-Logik insgesamt finden Sie auf Honorar und Erstattung.
Häufige Fragen zu Allergien
Soll ich vor dem Allergie-Test Antihistaminika absetzen?
Ja — Antihistaminika unterdrücken die Hautreaktion und machen den Pricktest weniger aussagekräftig. Wir bitten Sie, Antihistaminika 5–7 Tage vor dem Termin abzusetzen. Cortison-Cremes können in der Regel weiter verwendet werden, systemisches Cortison sollte mit uns abgestimmt werden.
Sind Allergien vererbbar?
Die Veranlagung zur Allergie (Atopie) ist genetisch — wenn beide Elternteile Allergien haben, ist das Risiko des Kindes deutlich erhöht. Welches konkrete Allergen sich später manifestiert, ist nicht vorhersagbar.
Kann sich eine Allergie wieder verlieren?
Selten spontan, häufiger durch eine Hyposensibilisierung. Bei Nahrungsmittel-Allergien im Kindesalter (Kuhmilch, Hühnerei) kommt es nicht selten zu einer natürlichen Toleranzentwicklung über die Schul-Jahre. Bei Insektengift- und Pollen-Allergien ohne Therapie meist nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Allergie und Unverträglichkeit?
Eine Allergie ist eine immunologische Reaktion, klassisch über IgE-Antikörper. Eine Unverträglichkeit (z.B. Laktose, Histamin, Fruktose) ist eine enzymatische oder metabolische Störung — die Symptome ähneln sich, der Mechanismus ist anders. Andere Tests, andere Therapie. Wir klären die Differenzierung in der Diagnostik.
Brauche ich für die Hyposensibilisierung eine Überweisung?
Nein — Sie können einen Termin direkt vereinbaren. Wir besprechen die Indikation im Erstkontakt und prüfen, ob die SCIT (Spritzen-Therapie) oder die SLIT (sublingualen Tropfen/Tabletten) für Ihre Situation passt.
Sind Allergie-Selbsttests aus der Apotheke sinnvoll?
Eingeschränkt. IgE-Schnelltests können Hinweise geben, ersetzen aber nicht die ärztliche Diagnostik und Bewertung — eine positive Antikörper-Bestimmung allein ist noch keine Diagnose. Für Therapie-Entscheidungen brauchen wir das Gesamtbild aus Anamnese, Klinik und gezielten Tests.
Was Sie aus diesem Artikel mitnehmen
Allergien sind häufig, vielgestaltig und gut diagnostizierbar — über Pricktest, spezifisches IgE und Epikutantest klären wir den Auslöser. Die Therapie folgt einem Stufenplan: Karenz, symptomatische Medikation, Hyposensibilisierung, in ausgewählten Fällen Biologika. Bei Insektengift-Allergie ist die Diagnostik dringlich und die Hyposensibilisierung potenziell lebensrettend. Für die Diagnostik haben wir eine eigene Seite zur Allergiediagnostik, für die Behandlung der chronischen Urtikaria die Seite Urtikaria-Behandlung.
→ Termin in der Wahlarztordination vereinbaren
→ Hautprobleme im Überblick · Behandlungen im Überblick · Honorar und Erstattung
Quellen und wissenschaftliche Grundlage
- EAACI (European Academy of Allergy and Clinical Immunology) — Guidelines zur Allergiediagnostik und -therapie.
- AWMF S2k-Leitlinie „Allergie-Prävention“ (Reg.-Nr. 061-016).
- S2k-Leitlinie „Spezifische Immuntherapie (SIT) bei IgE-vermittelten allergischen Erkrankungen“ (AWMF 061-004).
- Österreichische Gesellschaft für Allergologie und Immunologie (ÖGAI) — Empfehlungen zur Hyposensibilisierung.
- Zuberbier T et al. „The EAACI/GA²LEN/EDF/WAO guideline for the definition, classification, diagnosis and management of urticaria.“ Allergy 2022.